Symptome und Anzeichen einer Depression

„Habe ich Depressionen?“

Jeder Mensch fühlt sich mal traurig, bedrückt, antriebslos, leer und niedergeschlagen. Vor allem in schwierigen Lebensphasen, z.B. nach Trauerfällen oder in Neuorientierungsphasen (beruflich oder privat), ist das ganz normal. Doch ab wann gilt eine solche Phase als Depression und damit als Krankheit?

Was eine Krankheit ist und welche Symptome damit einhergehen, wird weltweit einheitlich durch die Weltgesundheitsorganisation definiert. Aktuell gilt die 10. Version der internationalen Klassifikation für Krankheiten (ICD-10), die voraussichtlich 2022 durch eine neue Version, die ICD-11, abgelöst wird. Hinsichtlich der Symptome einer Depression werden jedoch keine gravierenden Änderungen erwartet.

Die ICD-10 listet eine Vielzahl von Symptomen einer (typischen) depressiven Episode auf. Für Deutschland gilt jedoch eine kleine Besonderheit: hier haben sich mehrere Fachgesellschaften, darunter die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychosomatik und Nervenheilkunde, eine Versorgungsleitlinie erarbeitet, die zwar auf der ICD-10 basiert, jedoch eine Unterscheidung zwischen Haupt- und Zusatzsymptomen vorsieht:

Depression-Symptome

Depression-Symptome

In der deutschen Versorgungsleitlinie zum Thema Depressionen werden zehn Symptome in Haupt- und Nebensymptomen unterteilt.

Drei Hauptsymptome:

  • Depressive, gedrückte Stimmung
  • Interessenverlust und Freudlosigkeit
  • Verminderung des Antriebs mit erhöhter Ermüdbarkeit (oft selbst bei kleinen Anstrengungen) und Aktivitätseinschränkung

Sieben Nebensymptome:

  • Verminderte Konzentration und Aufmerksamkeit
  • Vermindertes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen
  • Schuldgefühle und Gefühle von Wertlosigkeit
  • Negative und pessimistische Zukunftsperspektiven
  • Suizidgedanken, erfolgte Selbstverletzung oder Suizidhandlungen
  • Schlafstörungen
  • Verminderter Appetit

Nach Maßgabe der deutschen Versorgungsleitlinie zum Thema Depressionen, gilt als depressiv, wer mindestens zwei Hauptsymptome und zwei Zusatzsymptome aufweist. Dies ist übrigens eine Abweichung vom internationalen Standard ICD-10 nach dem mindestens zwei Symptome (egal ob Haupt- oder Zusatz-) vorliegen müssen.

Depression-Schweregrad

Mithilfe der erwähnten Versorgungsleitlinie der Fachgesellschaften kann der Schwergrad der depressiven Episode von der Anzahl der vorliegenden Symptome abgeleitet werden:

  • Leichte depressive Episode: zwei oder drei Hauptsymptome und zwei Nebensymptome
  • Mittelgradige depressive Episode: zwei oder drei Hauptsymptome und drei bis vier Nebensymptome
  • Schwere depressive Episode: alle drei Hauptsymptome und fünf oder mehr Nebensymptome

Im Zuge einer Diagnosestellung wird zudem darauf geachtet, dass die Symptome dauerhaft sind, d.h. in der Regel bereits mindestens zwei Wochen vorliegen. Deshalb wird beim Depression-Test auf dieser Seite berücksichtigt, wie häufig innerhalb der letzten zwei Wochen die Symptome aufgetreten sind.

Depression-Schweregrad

Anmerkung: meine persönliche Meinung ist, dass eine Einordnung in leicht, mittelgradig und schwer allein aufgrund der Anzahl der Symptome nicht sinnvoll ist. Demnach könnte jemand mit zwei Hauptsymptomen und Suizidgedanken als „leicht depressiv“ bezeichnet werden, wenn nicht genügend andere Symptome vorliegen. Die Vorgaben der deutschen Versorgungsleitlinie entsprechen an dieser Stelle auch nicht den Vorgaben der international gültigen ICD-10. Hier wird explizit darauf hingewiesen, dass nicht nur die Anzahl der vorliegenden Symptome sondern auch deren Schwere berücksichtigt werden müssen. Viele Ärztinnen und Psychotherapeutinnen berücksichtigen die Schwere der Symptome aber auch, indem sie deren Einfluss auf das alltägliche Leben abfragen.

Anzeichen einer Depression

Neben den bereits erwähnten Symptomen existieren auch andere Anzeichen, die auf eine Depression hinweisen können. Hierzu zählen vor allem körperliche Beschwerden, Verhaltensänderungen oder Auffälligkeiten im Erscheinungsbild.

Mögliche körperliche Beschwerden

Depression körperliche Symptome

Folgende Beschwerden können (müssen aber nicht) ein Anzeichen einer Depression sein:

  • Körperliche Abgeschlagenheit
  • Schlafstörungen (Ein- und/oder Durchschlafstörungen)
  • Appetitstörungen, Magendruck, Gewichtsverlust
  • Verdauungsprobleme wie Verstopfung (Obstipation) oder Durchfall (Diarrhöe)
  • Kopfschmerz oder andere Schmerzen, zum Beispiel Rückenschmerzen
  • Druckgefühl in Hals und Brust, Beengtheit im Hals (sogenanntes „Globusgefühl“)
  • Atemnot und Störungen von Herz und Kreislauf, wie Herzrhythmusstörungen oder Herzrasen
  • Schwindelgefühle, Flimmern vor den Augen, Sehstörungen
  • Muskelverspannungen, plötzlich einschießende Schmerzen
  • Verlust des sexuellen Interesses, Ausbleiben der Monatsblutung, Impotenz, sexuelle Funktionsstörungen
  • Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen

Typische Verhaltensänderungen

Wenn es uns schlecht geht, neigen wir dazu uns zurückzuziehen. Deshalb sind auch depressive Phasen häufig durch Rückzugsverhalten gekennzeichnet. Dies kann z.B. bedeutet, dass man seltener das Haus (oder sein Zimmer) verlässt und allgemein lieber allein bleibt. Man nimmt weniger häufig Kontakt mit Freunden und Angehörigen auf oder reagiert nicht auf Kontaktaufnahmen von außen.

Auch den Mangel an Energie zeigt sich häufig in Verhaltensänderungen, z.B. vermehrten Ruhephasen, späterem Aufstehen, weniger produktiven Tätigkeiten.

Änderungen im Erscheinungsbild

Manche Menschen haben in einer depressiven Phase eine kraftlosere Körperhaltung, eine leisere Stimme oder sogar eine langsamere Gangart. Sie wirken lethargischer als sonst. Häufig zeigen Betroffene weniger Gefühlsregungen als wenn es ihnen gut geht. Auch wenn jemand aussieht, als würde er/sie sich gehen lassen (z.B. selteneres Waschen/Duschen, Frisieren), kann dies ein ernstzunehmendes Zeichen sein. Deshalb hilft es manchmal auch Angehörige zu befragen, ob ihnen Änderungen im Verhalten oder Erscheinungsbild aufgefallen sind.

Bei allen Anzeichen sind zwei Dinge wichtig zu bedenken:

1. Liegen die Anzeichen vor, heißt das noch lange nicht, dass eine Depression vorliegt. Man sollte der Möglichkeit jedoch nachgehen.

2. Nicht alle Menschen zeigen in einer depressiven Phase die beschriebenen Anzeichen. Das heißt, wenn die Anzeichen nicht vorliegen, heißt das noch lange nicht, dass jemand keine Depression hat (siehe z.B. hochfunktionale Depression).

Fremdwahrnehmung oder „Angehörige und Freunde mit einbeziehen“

Häufig sehen andere Menschen nicht, wie schlecht es einem innerlich geht. Doch manchmal ist es auch genau andersherum: unsere Freunde und Familie merken viel früher, dass mit uns etwas nicht stimmt. Wir selber erkennen möglicherweise gar nicht, wie sehr wir uns verändert haben, da der Prozess schleifend verlief. Aber gerade für Menschen, die uns schon lange kennen, ist es manchmal allzu offensichtlich, dass mit uns etwas nicht stimmt. Leider trauen sie sich nicht immer, einem das zu sagen oder wir wollen es schlicht und ergreifend nicht hören.

Wenn du dich also fragst, ob du an einer Depression oder einer anderen psychischen Störung erkrankt bist, dir noch sehr unsicher bist und den Gang zum Arzt noch scheust, kannst du auch Menschen, die dich schon lange kennen (und denen du vertraust), zu Rate ziehen. Du musst nicht fragen „denkst du, dass ich depressiv bin?“ sondern frage einfach, wie du dich aus Perspektive der anderen Person in den letzten Monaten oder Jahren verändert hast. Dabei hilft es, sich gemeinsam an konkrete Situationen zu erinnern. So kommen manchmal überraschend deutliche Feedbacks wie „du hast früher viel mehr gelacht“, „du hast früher so gerne gesungen; das machst du gar nicht mehr“ oder „früher warst du ständig unterwegs, heute kommst du kaum noch aus deinem Zimmer“. All das sind ziemlich starke Anzeichen, dass du den Gang zum Arzt oder Psychotherapeuten wagen solltest.

Besondere Umstände, z.B. Trauer, berücksichtigen

Wichtig bei der Frage, ob man an einer Depression leidet, ist es immer auch, den Kontext zu berücksichtigen. Wie anfangs bereits erwähnt, ist es zum Beispiel nach einem Trauerfall recht normal, depressive Symptome aufzuweisen. Und diese können, oh Wunder, durchaus länger als zwei Wochen andauern, ohne dass man eine Depression hat. Der Mensch braucht nun mal einige Zeit, um Schicksalsschläge zu verarbeiten und dafür sollte man sich auch ausreichend (lange) Raum geben. In der Vergangenheit ging man sogar davon aus, dass es bis zu einem Jahr nach einem Trauerfall völlig normal sei, depressive Symptome aufzuweisen.

Heißt das nun, nach einem Trauerfall bräuchte man sich keine Sorgen machen, an einer Depression erkrankt zu sein? NEIN, AUF KEINEN FALL. Schicksalsschläge können nämlich durchaus Auslöser von Depressionen sein. Es ist somit sogar erhöhte Wachsamkeit geboten. Gleichzeitig muss es jedoch noch keine Depression sein, wenn man sich einen Monat nach einem Trauerfall immer noch traurig und niedergeschlagen fühlt. Das kann auch normale Trauerverarbeitung sein. Ein weiterer Grund, weshalb Ärzte/innen und Psychotherapeuten/innen nicht nur auf die Dauer von Symptomen achten sondern auch die Schwere und den Kontext berücksichtigen (sollten).

Was nun also tun, wenn man sich nach einem Schicksalsschlag depressiv fühlt? Die deutschen Fachgesellschaften, die die Versorgungsleitlinie für Depressionen erarbeitet haben, geben als Anhaltspunkt, dass depressive Symptome bis zu zwei Monate nach einem Trauerfall als normal angesehen werden können. Demnach sollte man sich an eine/n Arzt/Ärztin oder Psychotherapeut/in wenden, wenn die Symptome nach zwei Monaten noch immer nicht nachlassen. Solltest du jedoch vor Ablauf der zwei Monate das Gefühl haben, Hilfe zu benötigen (auch einfach zur Trauerbewältigung), wende dich auf jeden Fall auch schon früher an professionelle Hilfe! Dies gilt übrigens auch, wenn deine Symptome nicht zu einer Depression passen. Es gibt nämliche auch andere (seelische) Erkrankungen, die durch einen Schicksalsschlag ausgelöst werden können, z.B. eine Anpassungsstörung. Hierbei handelt es sich um eine Krankheit, die infolge belastender Lebensereignisse auftritt und sich durch emotionale Beeinträchtigung mit Auswirkungen auf das Sozialleben äußert.

Sonderfall: Hochfunktionale Depression

Wenn du dich fragst, ob eine andere Person an einer Depression erkrankt sein könnte, bedenke bitte, dass es auch hochfunktionale Depressionen gibt. Dieser Begriff beschreibt, dass jemand eine depressive Episode hat, jedoch weiterhin im Alltag „sehr gut funktioniert“ und sich nichts oder kaum etwas anmerken lässt. Ich bin kein Fan von laienhaften Ferndiagnosen, aber die Vermutung liegt nahe, dass der Profifußballer Robert Enge so ein Fall war. Soweit man weiß, ging er jeden Tag ganz normal zum Training und verhielt sich so, dass seine Mitspieler nicht erkennen konnten, dass er an einer Depression leidet. Menschen mit hochfunktionalen Depressionen können sogar besonders erfolgreich, da sie nicht selten zu Perfektionismus neigen. Leider verstecken sie jedoch auch häufig, wie es ihnen innerlich tatsächlich geht und geben unangenehmen Emotionen, wie Traurigkeit, keinen Raum. Bei diesen Menschen kann dann z.B. ein Anzeichen sein, schnell gereizt zu sein, da unterdrückte Traurigkeit häufig in Wut oder Aggression umschlägt.

Fazit

Bei der Frage, ob du eine Depression oder eine andere Krankheit hast, solltest du dich nicht mit Diagnoseregeln und Versorgungsleitlinien aufhalten. Sprich mit einem Arzt / einer Ärztin oder einem/r Psychotherapeuten/in. Erläutere, wie es dir geht, wie dein aktuelles Befinden und Verhalten sich im Gegensatz zur Vergangenheit verändert hat und welchen Einfluss das auf deinen Lebensalltag hat. Erwähne auch, wenn es besondere Ereignisse in der Vergangenheit gab, die damit in Zusammenhang stehen könnten.

Je früher man Hilfe bekommt, desto schneller geht es einem in der Regel auch wieder besser.

Konsultiere also so schnell wie möglich eine Ärztin oder Psychotherapeutin, wenn du den Verdacht hegst, an einer psychischen Erkrankung zu leiden!